Argon Pyros

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Gedankenversunken saß Argon, wie an vielen Abenden zuvor, auf dem Dach der Hütte seines Vaters und blickte Pfeife rauchend über die Dächer Feuersteins hinweg Richtung Sonnenuntergang. Mit der einen Hand hielt er seine Pfeife, mit der anderen zwirbelte er immer wieder durch seinen schwarzen Ziegenbart, welcher kaum einen Kontrast zu seinen schulterlangen, ebenfalls schwarzen Haaren bildete. Die Sonnenstrahlen, welche den Himmel in ein tiefes Rot tauchten, erreichten gerade noch die Dachspitzen der Häuser, bevor sie für heute gänzlich verschwinden würden.

Die Häuser des Dorfes, welches nördlich der Marktgrafschaft Greifenfurth, nahe der Grenze zu den Steppen der Orks liegt, standen in Reih und Glied aneinandergebaut da und machten den Anschein, als hätten sie schon immer so ausgesehen.

Wenn Argon jedoch die Augen schloss, konnte er immer noch das Chaos und die Verwüstung sehen. Er erinnerte sich an jene Nacht, als wäre es erst gestern gewesen. Die Sommernacht vor zwei Jahren, als die Orks das Dorf stürmten, um eine alte Fehde wieder anzufachen und sich an Argons Familie zu rächen. Es war die schlimmste Nacht seines Lebens gewesen und er hatte sie, gegen seinen Willen, großteils von genau diesem Dach, auf dem er sich momentan befand, beobachten müssen. Er musste hilflos zusehen, als ein Krieger der Orks seine ältere Schwester und seinen jüngeren Bruder brutal abschlachtete, während Argon selbst von einem weiteren Schwarzpelz festgehalten wurde, damit er seinen Geschwistern nicht zu Hilfe kommen konnte. Seit dieser Nacht kam Argon beinahe jeden Abend her, um sich die sterbenden Gesichter seiner Verwandten in Erinnerung zu rufen. Er hasste die Orks, auch Schwarzpelze genannt, für das, was sie ihm angetan hatten. Daher studierte er unter seinem Vater, der als Einziger, außer ihm, überlebt hatte, eifrig die große Kunst der Feuermagie. Argon und sein Vater wollten Rache an den Orks üben.

Bild von Argon Pyros
Argon (gezeichnet von einem wandernden Maler, kurz bevor das Dorf angegriffen wurde)

Als die Sonne bereits vollständig untergegangen und Feuerstein in Dunkelheit gehüllt war, kletterte der junge Feuermagier wieder vom Dach und beschloss, noch eine Runde durch den Ort zu spazieren. Zu dieser späten Stunde waren die Straßen und Gassen bereits ruhig und menschenleer. Argon genoss die Ruhe und Einsamkeit der Nacht sehr. Es waren keine Geräusche zu hören, nur hin und wieder zerriss der Schrei einer Eule die Stille. Nach ungefähr zwei Stunden hatte der junge Mann seinen Spaziergang beendet und schlenderte zurück zu dem Haus, in dem er mit seinem Vater lebte. Als Argon die Eingangstür öffnete, war sein Vater bereits wach und saß am Esstisch. Er wirkte sehr aufgeregt und auf eine gewisse Art und Weise euphorisch.

Als er seinen Sohn erblickte, stürzte er auch schon auf ihn zu. „Argon!“ rief er. „Ich habe dir etwas zu verkünden.“ Hagen Pyros, Argons Vater und oberster Kämpfer der Armee von Feuerstein, stand feierlich da und hatte ein Stück Papier in der Hand. Er war ein beinahe zwei Meter großer und stolzer Mann. Wenn er lächelte und glücklich wirkte, so wie in diesem Moment, konnte niemand erkennen, welche Verluste er bereits ertragen musste. Er war als ältester Sohn des „Ork-Schlächters“ geboren und hatte bereits als kleines Kind lernen müssen, dass seine Familie nur nach einem einzigen Ziel strebte. Die Vernichtung aller Schwarzpelze. Diese Lehre hatte er auch an seine beiden Söhne Argon und Alrik weitergegeben. Als sein jüngerer Sohn Alrik von einem Ork getötet wurde, wuchs Hagens Hass auf die Orks nur umso mehr und somit veranlasste er, dass sein einzig verbliebenes Kind von nun an umso mehr trainieren musste. Hagens Plan für seinen Sohn war, dass dieser eines Tages ausziehen und sein magisches Potential entfalten sollte. Er sollte Erfahrung sammeln, um stärker zu werden und danach Tod und Verderben über die Gebiete der Orks bringen.

„Heute habe ich dieses Gesuch auf unserer Anschlagtafel auf dem großen Markt gefunden und mir war sofort klar, dass dies deine erste Mission sein soll und es für dich an der Zeit ist, auszuziehen, Menschen zu helfen und neue Zauber zu lernen. Sieh nur mein Sohn, dieser Conlai braucht deine Hilfe. Du solltest keine Zeit verlieren und dich gleich bei Anbruch des Morgens zu ihm aufmachen.“ Hagen wedelte mit dem Stück Papier in seiner Hand.

Argon wusste absolut nicht, wie ihm geschah. Was war nur in seinen Vater gefahren? Wer war Conlai, und vor allem, was stand bloß auf diesem Stück Papier, welches sein Vater in die Höhe hielt, als wäre es eine Trophäe? Kurzerhand schnappte sich Hagens Sohn das vermeintliche Gesuch und las, was darauf geschrieben stand. Es war ein Hilferuf. Darin bat der Absender Conlai Abenteurer, zu ihm in den Kosch zu kommen und für ihn die dort lebenden Gefahren zu beseitigen. Argon verstand zwar nicht, was das mit ihm zu tun haben sollte, aber er spürte auch die Dringlichkeit, die in dieser Botschaft lag. Außerdem würde ihm sowieso nichts anderes übrig bleiben. Wenn sein Vater sagte, er müsste sich auf diese Mission machen, dann würde er das auch ohne nachzufragen machen. Das Wort seines Vaters war für Argon Gesetz und er könnte niemals etwas unternehmen, um sich diesem zu widersetzen.

Immer noch wie angewurzelt stand er da, die Türe hinter ihm war noch einen Spalt offen, und er blickte seinem Vater in die Augen. Das war der Moment, in dem Argon klar wurde, dass nun die größte Mission seines Lebens begann.

About Kessy

ist Pflegekraft, Musikerin, Zockerin, aber vor allem ist sie eine Träumerin, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt. Auf Mittelalterfesten mutiert sie gerne mal zu einer Elfe. Ihre Lieblingstiere sind Drachen und Einhörner. Wenn sie liest, dann sind das meist Fantasy-Romane. Um andere Leute an ihrer Fantasie-Traum-Welt teilhaben zu lassen, schreibt sie Geschichten und Abenteuer im Reich des schwarzen Auges.

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