Frida

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Es war ein sonniger, ruhiger Tag als Frida, durch den Wald der Windhager Berge schlenderte um Beeren und Kräuter zu sammeln, wie sie es beinahe jeden Tag tat, Sie kannte diesen Wald in- und auswendig. Es gab keinen Ort an dem sie sich wohler fühlte als inmitten dieser Bäume und der hier lebenden Tiere.

Die Windhager Berge sind ihre Heimat. Als sie ungefähr ein halbes Jahr jung war, wurde sie hier von Walpurgia Schroffwipfel gefunden. Die alte Hexe nahm Frida als Findelkind bei sich auf und versorgte sie, als wäre sie ihre eigene Tochter und zog sie in ihrer Hütte im Wald auf. Sie brachte ihr bei, sich im Wald zurecht zu finden, und unterrichtete sie in der Kräuter- und Tierkunde.

Somit kennt Frida nun so gut wie jeden Zentimeter des Waldes. Als das kleine Findelkind zu einer jungen Frau herangewachsen war, konnte Walpurgia immer deutlicher die magische Begabung ihres Schützlings spüren und beschloss daher, die Heranwachsende in die Welt der Hexerei einzuweihen und aus ihr eine Krötenhexe zu machen, wie sie selbst eine war.

Ihre Erkundungstouren durch den Wald machte sie im Normalfall ganz alleine und war oftmals stundenlang unterwegs um jeden Winkel der von ihr über alles geliebten Natur zu erforschen.

An diesem Tag trug die junge Krötenhexe ein schlichtes, an manchen Stellen bereits zerrissenes, dunkelbraunes, knielanges Kleid. Auf ihrer Schulter saß die Erdkröte Balduin, welche sie vor zehn Jahren verletzt und halb verhungert am Flussrand gefunden hatte. Gemeinsam mit ihrer Mutter und Lehrmeisterin hatte die fürsorgliche Tierliebhaberin die damals noch kleine Kröte gesund gepflegt und aufgepäppelt. Seit dem ist Balduin ihr ständiger Begleiter auf all ihren Wegen.

Nach einigen Stunden des Sammelns war Fridas Korb randvoll mit Beeren und Kräutern, also machte sie sich daran, den Rückweg zu Walpurgias Hütte zu bestreiten, als sie in einigen Metern Entfernung etwas Seltsames erspähte. Es sah von der Weite aus wie ein Stück Papier. Vorsichtig, um nicht den halben Inhalt ihres Korbes wieder auf dem Waldboden zu verteilen, näherte sie sich dem unbekannten Schreibstück. Ihre lange, rot-braune Haarmähne flog leicht im sanften Vormittagswind und in ihren großen, grünen Augen war dieses neugierigere Funkeln sichtbar, welches immer auftrat, wenn die junge Krötenhexe etwas Neues entdeckte. Auch Balduin blickte gespannt in die Richtung des unbekannten Gegenstandes.

Frida
Frida und ihre Mähne

Es dauerte nicht lang bis die Hexe so nahe an das Stück Pergament heran kam, so dass sie es aufheben und lesen konnte. Es sah deutlich mitgenommen aus und war auch an einigen Stellen eingerissen. Dennoch war zu erkennen was drauf geschrieben stand. Interessiert studierte sie die Worte, welche in schwungvoller Handschrift notiert waren. Es war Conlais Gesuch.

Aufgeregt, so schnell der voll gefüllte Korb es zuließ, kehrte Frida zurück zur Hütte um der älteren Krötenhexe das Schriftstück zu zeigen. „Herrin Walpurgia, seht nur!“ rief Frida der in die Jahre gekommenen Hexe bereits von Weitem entgegen. „Sieh doch, die Bürger des Kosches scheinen in Gefahr zu sein. Wir müssen die Nachricht dieses Conlais in das nächste Dorf bringen, damit sich jemand darum kümmert!“ Lange blickte Walpurgia auf das Gesuch. Frida versuchte ihre Emotionen aus dem in das Schriftstück vertiefte Gesicht zu erkennen.

Normalerweise war im rundlichen Gesicht der älteren Hexendame ein permanentes Lächeln zu sehen. Von ihrer sonst so fröhlichen und gutmütigen Art war allerdings nichts zu erkennen. Weder lächelte sie, noch sah sie grimmig aus. Es lag mehr ein Ausdruck der Erkenntnis in ihren Augen, soweit Frida dies deuten konnte. Minuten verstrichen und die jüngere Hexe begann ungeduldig von einem Fuß auf den anderen hin und her zu wippen. Sie war kurz davor etwas zu sagen, als die ältere Hexe den Kopf wieder hob und zum Sprechen ansetzte. Mit einer Selbstverständlichkeit als wäre es das eindeutigste auf der Welt sah sie Frida an und sagte „Du wirst selbst zu Conlai gehen um ihn bei seinem Anliegen zu unterstützen.“

Auf einen Schlag wurde Frida eiskalt. Die Überraschung dieser Aussage durchfuhr sie vom Scheitel bis zur nackten Fußsohle. Ein Kribbeln durchfuhr ihren gesamten Körper und ließ Kälte, Angst und Panik zurück. Die junge Frau wusste nicht was sie sagen sollte. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen und ihre Kinnlade war weit herunter geklappt. Ihre Ziehmutter stand einfach nur da und beobachtete das Emotionsspiel der Überraschung und des Schocks. Als Frida versuchte etwas zu sagen, kamen die Worte nur stotternd aus ihrem Mund heraus „Du..du..du willst dass ich….ich zu Conlai gehe und…. und den Kosch beschütze…ich?!“ Sie hatte das Gefühl in eine andere Welt teleportiert worden zu sein, in dem alles verdreht ist und schwache, kleine Hexen in Ausbildung plötzlich zu heldenhaften Meistermagierinnen mutierten.

Einige Zeit lang tat Walpurgia nichts anderes als die Reaktion und das Entsetzen ihrer Schülerin zu beobachten, bis sie entschied dass es an der Zeit war ihrer verwirrten Ziehtochter ihre Entscheidung zu erklären. „Frida, mein Kind… seit Jahren lebst du nun schon bei mir. Jeden einzelnen Tag hast du die Natur erforscht und von ihr gelernt. Du hast die Kunst der Hexerei studiert, hast dich entwickelt und bist erwachsen geworden. Nun ist es an der Zeit für dich, die kleine Welt dieses Waldes zu verlassen. Es ist an der Zeit dass du hinaus in die Welt gehst und dein erworbenes Wissen anwendest. Außerdem möchte ich, dass du raus in die Gesellschaft gehtst und dort für die Anerkennung der Hexen kämpfst, so wie ich es in meinen jungen Jahren getan habe.“

Nachdem sie das alles gesagt hatte, wurde Walpurgia sehr ruhig. In ihrem Gesicht, das von langen weißen Haaren umgeben war, die zu einem geflochtenen Knoten zusammengebunden waren, war eine tiefe Traurigkeit zu erkennen. Ihr wurde bewusst, dass sie ihrem Kind soeben den Befehl erteilt hatte, sie auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Früher war die alte Frau eine wilde und unabhängige junge Hexe gewesen, die sich für die Anerkennung und die Position der freien Krötenhexen aus den Wäldern eingesetzt hat. Nie hatte sie damit gerechnet einmal ein anderes Leben zu führen als das, welches daraus bestand, ungerechten Adeligen Streiche zu spielen, viel zu reiche Bürger zu bestehlen und zurückgezogen und allein in ihrer Hütte zu leben und ihre Kräuter anzubauen. Doch dann eines Tages vor in etwa 20 Jahren, sie war bereits älter geworden und ihre Gelenke hatten zu schmerzen begonnen, fand sie ein kleines Baby. Ausgesetzt und verlassen, mitten im einsamen Wald. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr bewusst geworden, dass sich ihr leben doch verändern würde, und das von Grund auf. Sie war nun nicht mehr nur für sich allein verantwortlich gewesen, sondern auch für ein Kind. Ein Kind das sie aufzog, in all ihre Lehren unterwies und dem sie beim Heranwachsen zugesehen hatte. Ein Kind das sie liebte wie ihr eigenes. Ein Kind, das mittlerweile zu einer jungen Frau geworden war. Ein Kind, dass sie nun fortschickte, um sich weiter zu entwickeln und Walpurgias Lehren in die Welt hinaus zu tragen um jedem zu zeigen, wozu Hexen im Stande waren.

Frida konnte kaum fassen was ihre Mutter ihr gerade für einen Auftrag gegeben hatte. Sie sollte zu diesem Conlai gehen und ihn dabei unterstützen irgendwelche Gefahren zu beseitigen. Was sollte das eigentlich genau bedeuten? Würde sie kämpfen müssen? Wäre sie dafür überhaupt schon bereit? Wie sicher konnte sie sich eigentlich sein, dass sie Walpurgia nach dieser Mission wieder sehen würde? Über ihre eigenen Chancen auf ein überleben des Abenteuers wollte sie gar nicht erst nachdenken. Doch in Wahrheit spielten all diese Gedanken und Ängste keine Rolle. Walpurgias Wort war für Frida Gesetz. Wenn ihre Ziehmutter ihr auftrug, zu diesem Conlai zu reisen und ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, dann würde sie das auch tun. Komme, was wolle.

So willigte Frida ein und machte sich auch gleich daran, ihre Sachen zu packen und sich für ihre erste, große Reise ins Ungewisse vorzubereiten.

About Kessy

ist Pflegekraft, Musikerin, Zockerin, aber vor allem ist sie eine Träumerin, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt. Auf Mittelalterfesten mutiert sie gerne mal zu einer Elfe. Ihre Lieblingstiere sind Drachen und Einhörner. Wenn sie liest, dann sind das meist Fantasy-Romane. Um andere Leute an ihrer Fantasie-Traum-Welt teilhaben zu lassen, schreibt sie Geschichten und Abenteuer im Reich des schwarzen Auges.

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