Kapitel 1 Teil 4 – Der Anfang einer Partnerschaft

Conlai konnte die Situation noch immer nicht ganz begreifen. Es fühlte sich an, als wäre es erst wenige Stunden her gewesen, als er den Entschluss gefasst hatte, seine Gesuche überall im Land verbreiten zu lassen um dadurch vielleicht ein paar Menschen zu finden, die bereit dazu wären, seine geliebte Heimat, den Kosch, in seinem Namen zu beschützen. Nun saßen auch schon sechs junge Leute, welche genau diesen Gesuchen gefolgt waren, mit ihm an einem Tisch. Sie blickten ihn misstrauisch, jedoch auch erwartungsvoll an. Die jungen Fremden, von denen Conlai bis jetzt nur ihre Namen kannte, waren gekommen um ihn zu unterstützen und ganz bestimmt auch, um eine Belohnung dafür zu erhalten. Der Plan war also tatsächlich aufgegangen. Seine Mühen hatten sich gelohnt.

Der in die Jahre gekommene Mann sprach offen mit seinen zukünftigen Partnern über seine Vergangenheit. Er erzählte von seiner Kindheit, dem Mord an seiner Mutter, seinem Beruf als Söldner und schlussendlich auch über seine selbst auferlegte Verpflichtung, den Kosch zu beschützen.

Inaya und Frida sahen ihn voller Mitleid an. Lucan wirkte als würde er ungeduldig auf das Ende der Geschichte warten und Dorian sah im Verlauf der Erzählungen immer desinteressierter aus. Frumold und Argon schienen seinen Worten einfach nur gespannt zu lauschen.

Conlai erzählte ihnen gerade die Geschichte darüber, wie seine Mutter direkt vor seinen Augen von zwei Dieben ausgeraubt und umgebracht wurde, als die zwergische Wirtin die zweite Runde an Bierkrügen und auch jeweils eine Schale warmen Eintopf für jeden der sechs Neuankömmlinge an den Tisch brachte. Die etwa 40-jährige Zwergendame wirkte leicht gestresst, aber dennoch freundlich. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Zopf zusammen gebunden, aus dem sich bereits einzelne Strähnen gelöst hatten.

Der Eintopf sah sehr lecker aus.

Teils betroffen, teils abwartend aßen die Sechs ihren Eintopf und tranken ihr Bier, während Conlai sprach. Der ehemalige Söldner hatte seine Erzählungen noch nicht ganz beendet, da fiel ihm Dorian bereits ins Wort. „In Ordnung, ich habe verstanden. Du bist hier aufgewachsen und deine Mutter wurde hier getötet. Deswegen willst du den Ort beschützen. Jetzt gehen hier seltsame Dinge vor und du brauchst uns um herauszufinden woran das liegt.“ Etwas irritiert sah der alte Mann in Dorians asymmetrische Augen, bevor er seine Feststellung mit einem Nicken bestätigte. „Nun, was genau ist denn hier passiert?“, stieg nun auch Inaya in das Gespräch ein. Sie hatte ihren Kopf gehoben, ihre grünen Augen leuchteten hervor, während der Rest ihres Gesichtes zu einem großen Teil vom Schatten ihrer Kapuze verdeckt wurde.

Der erste Auftrag

„Vor einigen Monaten wurden Orks in dieser Gegend gesichtet. Zuerst hielt ich es nicht für wahr, doch die Berichte häuften sich. Da wir hier weit weg von der nächsten Garnison sind, beschloss ich, meine Gesuche zu schreiben und Abenteurer zu suchen, die mir dabei helfen, den Kosch vor den Orks zu beschützen. Doch zuvor gibt es noch ein Dringenderes Problem, bei dem ihr mich unterstützen müsst. Seit einigen Tagen werden die Bewohner bestohlen.“ erläuterte Conlai, „Es verschwindet immer wieder Geld und auch die Wertgegenstände mancher ehrlicher Bürger wurden bereits entwendet. Der Dieb konnte noch nicht ausfindig gemacht werden. Das ist nur das kleinste Problem, jedoch auch das dringlichste. Die Bürger des Dorfes werden aufgrund der Diebstähle immer nervöser. Außerdem sind sie zu dieser Zeit noch beunruhigter darüber, wenn in der Gemeinschaft etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“

Mit der letzten Aussage spielte Conlai auf das aktuelle Datum an und wie er an den Reaktionen erkennen konnte, verstanden sie alle dessen Bedeutung. Denn der Monat Rahja näherte sich dem Ende zu und in Kürze würden die Namenlosen Tage über sie hereinbrechen.

Bei den Namenlosen Tagen handelt es sich um die Zeitspanne von fünf Tagen, in denen der Namenlose mächtiger ist als sonst. Der Namenlose ist der dreizehnte Gott und auch der Widersacher des zwölf Göttertums. Das Ziel des Namenlosen, so erzählt man sich, ist die Befreiung aus seinem Gefängnis. In diesen fünf Tagen ist seine Chance, genau das zu erreichen, am höchsten und seine Macht wie auch sein Einfluss sind größer. Die Namenlosen Tage sind dunkle und gefährliche Tage. Die Menschen fürchten sich vor dieser Zeit.

In der Kornstubn herrschte mittlerweile Hochbetrieb. Niemand von ihnen hatte gemerkt, wie sich die Schenke gefüllt hatte, doch um ihren Tisch herum herrschte reges Treiben. Es wurde getrunken und gelacht, während die Bardin unermüdlich ihre Laute klingen ließ. Wenn man nicht Bescheid gewusst hätte, wäre den Bewohnern Altenbrücks ihr Misstrauen und ihre Angst wohl kaum anzusehen gewesen. Doch wenn man genau hinsah, konnte man die misstrauischen Blicke und das Getuschel vernehmen.

Lucan sah Conlai mit festem Blick an. „Wie viel bekommen wir dafür?“ fragte er und dies war das einzige, das ihn an der ganzen Situation tatsächlich zu interessieren schien. „Jeder von euch bekommt zwei Dukaten und so lange ihr hier verweilt und eurem Auftrag nachgeht, steht euch ein Zimmer in der Kornstubn zur Verfügung, welches ich bezahle“, antwortete der in die Jahre gekommene Conlai ruhig und bestimmt. Lucan wirkte zufrieden mit dieser Antwort. Alle anderen schienen über die reichliche Vergütung positiv überrascht zu sein. Sie sahen sich gegenseitig, wie auch Conlai mit vor Freude aufgerissenen Augen an.

„Zwei Dukaten und einen Schlafplatz nur um einen Diebstahl in einem kleinen Dorf aufzuklären?“ Argon schnalzte leicht abwertend mit der Zunge. „Wenn es nur das ist, nehme ich den Auftrag gerne an.“ „Auch ich bin gerne bereit, Euch bei der Aufklärung dieser Diebstähle zu unterstützen, Conlai“, sprach Inaya. Frida sah Conlai mit großen, leuchtenden Augen und einem ehrlichen und warmen Grinsen auf den Lippen einige Sekunden lang einfach nur an, bevor sie zu sprechen begann „Walpurgia hat mich zu Euch geschickt, also werde ich Euch auch sehr gerne bei allem unterstützen, wo ich es kann.“ Auch die anderen zeigten sich mit der Belohnung einverstanden. Dankbar darüber blickte Conlai in die Runde.

Abermals trat die Wirtin an ihren Tisch. „Ihr müsst Conlais neue Freunde sein. Ich habe euch eure Betten bereits vorbereitet, ihr könnt sie also jederzeit benutzen. Doch ich hoffe natürlich, ihr trinkt zuvor noch ein paar Bier und leistet dem alten Mann noch etwas Gesellschaft.“ Bei den letzten Worten schmunzelte die Wirtin breit. „Achja, mein Name ist Gudele und ich trinke auf euer Wohl.“ Die Zwergin grinste, zwinkerte Conlai kurz zu und stellte jedem der jungen Abenteurer ungefragt einen neuen Krug Bier vor die Nasen.

Die Waffen sind bereit

Zwistigkeiten

Conlai setzte abermals an, um etwas zu sagen, doch Lucan schnitt ihm das Wort ab. „Ich habe noch eine Frage.“ Der ganze Tisch sah ihn gespannt an. „Wenn ich den Auftrag alleine ausführen würde, bekäme ich dann das Sechsfache meines Lohns?“ Eine kurze Zeit lang erwiderte niemand etwas auf diese Frage und es herrschte Stille am Tisch. Offensichtlich waren alle sehr irritiert von dieser Frage. Conlai begann sichtlich überrascht leicht zu stottern, als Dorian aufstand und Lucan mit einer Mischung aus Argwohn und Provokation anblickte. „Du musst gut mit dem Schwert sein. Zeig mir, was du kannst. Draußen, bis auf das erste Blut.“

Sichtlich ungerührt blieb Lucan sitzen und sah, leicht angestrengt aber bewusst gleichgültig wirkend, in Dorians Augen. „Da hast du ganz recht. Ich kämpfe gut und arbeite lieber alleine. Außerdem teile ich meine Belohnung nicht gerne.“ erwiderte Lucan. „Übrigens nehme ich deine Herausforderung gerne an, aber nur, wenn der Sieger 5 Heller bekommt“ „Nun gut, dann lass uns vor die Tür gehen“ willigte Dorian ein und sogleich hatten die beiden die Kornstubn verlassen und ließen den Rest der Gruppe sprachlos und verwundert am Tisch zurück.

Es war still am dunklen Marktplatz, als Dorian und Lucan vor die Tür der Schenke traten. Dorian ging ein paar Schritte rückwärts und brachte so Abstand zwischen sich und den anderen jungen Mann, welcher ihn nicht aus den Augen ließ. Dorian wendete den Blick keine Sekunde von Lucan ab, während er langsam und demonstrativ seinen Degen aus der Scheide zog. Lucan erkannte was der Mann mit den ungleichen Auen vorhatte und zog seinen Dolch, da er mit seiner Hauptwaffe, dem Bogen, in dieser Situation wohl nicht viel ausrichten hätte können. „Bist du bereit?“, fragte Dorian. Lucan lächelte. „Na dann pass gut auf. Vielleicht wirst du dann das nächste Mal den Mund nicht mehr so voll nehmen.“

Lucan stürmte auf seinen Gegner zu, mit dem Dolch zielte er auf den Körper von Dorian. Dieser blieb gelassen stehen, wartete bis sein Gegner fast bei ihm und bewegte sich dann mit einer flüssigen Bewegung zur Seite und stach mit dem Degen in die Dolchhand. Ein Tropfen Blut quoll aus der oberflächlichen Wunde und Lucan ließ den Dolch fallen, mehr vor Schreck als aus Schmerz. Das ganze Duell dauerte insgesamt nur wenige Augenblicke. Wutentbrannt drehte Lucan sich zur Seite und versuchte, Dorian mit seinen Fäusten zu attackieren. Geschickt stellte dieser ihm allerdings ein Bein und der Angreifer fiel kopfüber in einen Kuhfladen.

Argon und Frumold, die dem Duell zugesehen hatten, begannen laut zu lachen. „Na du großer Held, bist du etwa dreckig geworden? Wenn du immer so kämpfst, dann werden dich deine Alleingänge bald umbringen.“ sagte Argon, mit Tränen in den Augen. Das Gelächter der Leute wurde immer lauter während Lucan sich mit einem zornigen Blick aufrichtete und versuchte, sich den gröbsten Dreck aus dem Gesicht zu entfernen.

Auf die Partnerschaft

Ein neues Bündnis wird geschlossen

Conlai runzelte die Stirn und räusperte sich, als die vier jungen Männer wieder an den Tisch heran traten. Lucans Blick signalisierte ihm, dass es nicht ratsam gewesen wäre, ihn zu fragen, was denn gerade genau passiert war. „Nun gut. Dann darf ich euch verkünden dass es mich mit großer Ehre erfüllt, dass ihr euch alle dazu bereit erklärt habt, diesen stehlenden Halunken für mich ausfindig zu machen und dadurch den Diebstehlen in Altenbrück ein Ende zu bereiten. Ich freue mich sehr darauf, mit euch zu arbeiten. Doch lasst uns davor noch auf unsere neue Freundschaft anstoßen!“ Alle sieben hoben ihre Bierkrüge und stießen sie gegeneinander. Anschließend nahmen sie einige kräftige Schlucke. Keiner von ihnen konnte sagen, wie und ob es funktionieren würde, doch sie alle waren schon sehr gespannt auf den ersten Auftrag, den sie in Conlais Namen ausführen würden.

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