Kapitel 1 Teil 8 – Die Schlinge zieht sich langsam zu

Die Sonne war bereits hinter den Koschbergen untergegangen und hatte Altenbrück in schummrige Dunkelheit gehüllt, als Lucan und Dorian dem Schmied Roglom aus der Schenke folgten und ihm nun leise und mit so viel Abstand wie es ihnen möglich war, ins Dorfinnere folgten. Der Zwerg bewegte sich auf die selbe Art, wie er zuvor auch schon sein Abendessen verspeist hatte: Langsam und wie in Trance. Die Tatsache dass das Bewusstsein des Zwergs offensichtlich getrübt war und der Umstand dass außer ihnen niemand draußen unterwegs war, ermöglichte es den jungen Abenteurern sich ihm unbemerkt an die Fersen zu heften. Denn Lucan und Dorian waren bei weitem keine Experten in punkto Schleichen und sich verbergen. Im Grunde genommen waren sie das genaue Gegenteil davon. Lucan, der seine Profession als Söldner schon mehr als eine Art Berufung ansah war im Normallfall derjenige, der in vorderster Front mit erhobenem Schwert auf die Gegner zueilte, um diese so schnell wie möglich zur Strecke zu bringen. Dorian hatte zwar noch nicht so viele Erfahrungen im Kampf gemacht, doch bevorzugte er mit seinen Worten und Taten auch immer die offenkundige und direkte Variante. Ruhig und unauffällig verhielt er sich wohl nur wenn er seiner Leidenschaft, dem Fischen nachging, oder wenn er tief und fest schlief. Demnach war es den jungen Männern nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden, Leute unauffällig zu verfolgen. So lautlos und beherrscht wie möglich waren die beiden dem verdächtigen Zwerg nun schon über den Marktplatz in Richtung seiner Schmiede gefolgt.

Lucan riskierte immer wieder mal einen kurze Blick über die Schulter zu Dorian, der knapp hinter ihm ging. Oder wie er ihn und die anderen Mitgliedern seiner neuen Gruppe insgeheim im Gedanken auch noch nannte: Seinen Klotz am Bein. Nun war schon Lucans zweiter Versuch sein Ding durchzuziehen und dadurch wohlmöglich alleine die Belohnung einstreichen zu können, durch einen dieser Klötze vereitelt worden. Dieses Mal auch noch von dem Mitglied seiner erzwungenen Gefährten, von dem er bis jetzt am allerwenigstens hielt. Wenn Dorian ihm die Chance, durch den Schmied an Antworten zu gelangen, vermasseln würde, dann würde es beim nächsten Mal Lucan sein, der zum Duell forderte. Und dieses Duell würde weiter gehen als nur bis zum ersten Blut.

Der Weg in den Wald bei Nacht

Der Söldner erwartete dass sie Roglom bis in seine Schmiede verfolgen würden, doch er merkte schnell, dass er sich mit dieser Erwartung geirrt hatte. Der Zwerg beachtete das Gebäude gar nicht, sondern ging ungerührt daran vorbei und steuerte auf den Waldeingang zu. Lucan und Dorian kannten den Weg, denn sie hatten ihn einige Stunden zuvor auch schon eingeschlagen um Hinweisen nachzugehen. Das konnte doch kein Zufall sein. Der Zwerg spielte also tatsächlich eine Rolle bei diesen Diebstählen. Sich innerlich selbst für seine hervorragende Intuition lobend marschierte Lucan mit angehaltenem Atem hinter dem Zwerg her. Auch Dorian hinter ihm traute sich offenkundig fast nicht zu atmen. Sie waren dem Zwerg bereits einige Minuten den unebenen Weg entlang gefolgt, als es plötzlich unter Dorians, wie auch unter Lucans Füßen knackste. Sie waren wohl beide auf einen Ast gestiegen und hatten dadurch nun in doppelter Lautstärke auf sich aufmerksam gemacht. Ruckartig blieb der Zwerg stehen. Die beiden Männer bewegten sich keinen Millimeter. Wie zu Salzsäulen erstarrt blieben sie stehen und hofften darauf, ihr Malheur dadurch nichtig machen zu können. Diese Hoffnung war jedoch vergebens. Genau so schnell wie der Schmied stehen geblieben war, drehte er sich kurz darauf zu ihnen um. Einige Sekunden lang wirkte Roglom’s Blick leer, danach schoss plötzlich eine Art Erkenntnis in seine Augen. Er blinzelte ein paar Mal, um die Augen daraufhin weit aufzureißen. Der Schmied fixierte die beiden vor ihm stehenden Fremden als er stotternd sprach: „Www…was? Www….wer seid Ihr? Wo sind wir hier?”

Die Tarnung ist aufgeflogen

Während Lucan fieberhaft über eine passende Ausrede nachdachte, sprudelte es auch schon aus Dorian heraus: „Habt Ihr etwas mit dem Diebstählen zu schaffen? Versteckt Ihr die Beute vielleicht im Wald? In Rondras Namen, sprecht die Wahrheit!” Lucan verdrehte die Augen während er zur Sicherheit beschloss seine rechte Hand vorsorglich auf dem Knauf seines Schwertes zu platzieren. Roglom blickte nun nur noch irritierter. „Gute Herren, ich weiß nicht wovon Ihr da sprecht. Ingerimm möge mein Zeuge sein, niemals würde ich die braven Bürger dieses Dorfes bestehlen! Das muss ein Irrtum sein.” Der Zwerg wirkte über die Situation genauso irritiert wie Lucan und Dorian es waren. „Was habt Ihr dann zu dieser späten Stunde noch im Wald zu schaffen?”, bohrte Dorian nach. Der Schmied wirkte immer ratloser. Mit verzweifeltem Blick schaute er sich in seiner Umgebung um. „So glaubt mir doch, ich weiß es nicht! Mein Aufenthaltsort überrascht mich genau so wie Euch.” Nun schaltete sich auch Lucan in das Gespräch ein: „Was ist das letzte woran Ihr Euch erinnern könnt?” Roglom überlegte kurz, bevor er antwortete: „Ich erinnere mich daran, wie ich in meiner Schmiede stand und an einem Auftrag arbeitete. Ich schliff und polierte das Schwert eines treuen Kunden.” Er unterbrach kurz, um ungläubig den Mond anzublicken. „Zu diesem Zeitpunkt stand die Sonne jedoch noch mit ihrer vollen Leuchtkraft am Himmel.”

Der Kosch begibt sich zur Ruhe

Der Abend mündete in die Nacht und die Kornstubn leerte sich rasch. Schon bald hatte auch der letzte Gast sein Bier ausgetrunken, sich bei der Kellnerin und der Köchin verabschiedet, und war zur Tür hinaus verschwunden. Die Köchin wiederum hatte mittlerweile den Küchenbetrieb für diesen Tag eingestellt und war dazu übergegangen, Rosi beim Abräumen der Tische zu helfen. Die stämmige, um die 40 jährige Köchin schickte auch die Kellnerin in den Feierabend und meinte, sie würde den Rest noch alleine aufräumen und danach die Schenke schließen. Dankbar und völlig übermüdet wirkend verließ Rosi rasch das Gebäude. Einige Minuten darauf ging Argon ihr nach. Er wollte nicht zu viel Aufsehen erregen indem er gemeinsam mit ihr die Schenke verließ. Nun waren nur noch die Köchin, Conlai und die 3 übrig gebliebenen Abenteurer anwesend. Dies war ihre Chance. „Ich kenne Alma, die Köchin schon lange. Ich verwickle sie in ein Gespräch und lenke sie somit ab, damit ihr euch inzwischen in Gudeles Zimmer umsehen könnt“ flüsterte der in die Jahre gekommene Mann den Abenteurern zu. „Conlai, ich dachte du begleitest uns. Wir wissen doch nicht, wonach wir Ausschau halten sollen“, zischte Inaya so leise wie möglich zurück. „Nach allem was verdächtig auf euch wirkt.“ entgegnete Conlai nur noch, bevor er auch schon lächelnd auf Alma zuschritt und ein Gespräch mit ihr begann. Frida wie auch Frumold wollten beide noch etwas zu ihm sagen, doch beiden blieb das Wort im Hals stecken als sie merkten, dass Conlai sie bereits sich selber überlassen hatte.

Das letzte Bier für diesen Abend wurde gezapft.

Während die beiden Frauen noch für einen kurzen Moment irritiert da standen, wieß Frumold sie auch schon dazu an, ihm zu folgen. „Kommt schnell. Lasst uns das Zimmer durchsuchen. Conlai wird bestimmt stolz auf uns sein, wenn wir etwas finden. Das ist unsere Chance uns vor ihm zu beweisen. Wir müssen uns beeilen, er kann Alma bestimmt nicht ewig ablenken.“, nachdem er das genuschelt hatte schlich er auch schon hinter die Theke auf das Zimmer der Wirtin zu. Mit einer kurzen Handbewegung wieß er Inaya und Frida dazu an, es ihm gleich zu tun. Die beiden warfen sich gegenseitig noch einen kurzen, skeptischen Blick zu bevor sie Frumold so unauffällig wie es ihnen möglich war folgten. Vor der Türe angekommen, berührte Frumold lautlos die Klinke und versuchte sie nach unten zu drücken. Sie ließ sich problemlos bewegen. Das Zimmer war nicht abgeschlossen. Vermutlich rechnete Gudele nicht mit Eindringlingen in ihre Privatsphäre. Pech für sie.

Blick in die Gedanken

Der Mond stand hoch über den Baumwipfeln des Koschs. Langsam schlenderten Argon und Rosi nebeneinander her. Argon wusste im Grunde nicht, worüber er mit der Schankmaid sprechen sollte. Doch er musste ein Gesprächsthema finden um die junge Frau von der Tatsache abzulenken, dass er gerade dabei war einen Zauber auf sie zu wirken. „Wie lange lebt Ihr schon in Altenbrück?“ fragte er sie deshalb, weil ihm keine tiefgründigeren Fragen einfielen. Rosi lächelte ihn müde an. Man sah ihr an dass es ihr gefiel des Nachts mit dem mysteriösen Fremden in der Gegend herum zu spazieren. Viele Möglichkeiten etwas Verbotenes oder Aufregendes zu unternehmen, hatten sich ihr hier wohl noch nicht geboten. Beinahe tat sie ihm leid. „Ich bin in Altenbrück geboren und lebe hier nun schon seit 19 Jahren, also mein gesamtes Leben lang. Seit zwei Jahren arbeite ich in Gudeles Schenke, um Geld zu verdienen, damit ich eines Tages auf Reisen gehen und mehr von der Welt sehen kann“, begann sie zu sprechen. Sie berichtete Argon daraufhin von allen Orten, die sie in der Zukunft besuchen wollte. Der Feuermagier hörte ihr mit einem Ohr zu, während er damit beschäftigt war seinen Zauber auf sie zu legen. Als Rosi in ihrer Aufzählung bei der achten Stadt war, die sie bereisen möchte wenn sie einmal genug Geld dafür zusammen hatte, war Argon endlich fertig. Er hatte „Blick in die Gedanken“ auf Rosi gezaubert, was ihm nun für kurze Zeit die Möglichkeit gewährte, die Gedanken der jungen Frau zu lesen. Also begann er damit, die für ihn relevanten Informationen zu erfragen. „Sagt, passiert es eigentlich oft dass Gudele Euch den ganzen Abend lang alleine die Gäste bewirten lässt?“ „Nein, eigentlich nicht“ antwortete Rosi. Außer in den letzte Tagen, fügte sie in ihren Gedanken hinzu. „Wisst ihr zufällig, ob die Zwergin etwas im Schilde führt?“, fragte der Magier weiter. „Nein, wie kommt Ihr denn auf so eine Idee?“ reagierte Rosi überrascht. Wenn Gudele etwas im Schilde führt, dann bestimmt gemeinsam mit dieser Jägerin. Schließlich ist sie neuerdings andauernd in der Schenke, bevor die anderen Gäste kommen. Argon gab sein bestes um seine Fragen so unbeschwert klingen zu lassen wie möglich. „Ich habe lediglich gehört dass sich die Wirtin in letzter Zeit etwas eigenartig verhalten soll“ Darauf erwiderte Rosi im ersten Moment nichts, doch ihre Gedanken arbeiteten. Eigenartig ist der falsche Ausdruck dafür. Sie ist eher geheimnistuerisch, verschlossen und gemein wenn man mich fragt.

Der Kosch bei Nacht

Der Spaziergang dauerte ungefähr eine halbe Stunde. In dieser Zeit erfuhr Argon durch Rosis Gedanken, außer dass die Wirtin in den letzten Tagen sehr verschlossen war und tagtäglich Besuch von Boronya bekam, noch ein paar weitere Details. Anscheinend verschloss sich Gudele oft stundenlang in ihrem Zimmer, was sehr ungewöhnlich für sie war. Außerdem hörte man sie durch verschlossene Türe manchmal undeutlich seltsame Dinge nuscheln. Des weiteren war der Kellnerin aufgefallen, dass die Wirtin oft stundenlang draußen unterwegs war. Wenn man sie darauf ansprach antwortete diese nur, sie sei im Wald spazieren gewesen, wobei sie doch eigentlich nie längere Spaziergänge unternahm. Nachdem Argon die nützlichen Informationen erhalten hatte, begleitete er Rosi bis kurz vor ihr Haus, damit ihr Vater nicht sehen konnte mit wem sie ihre Zeit verbracht hatte. Mit einem schüchternen Grinsen und einem Gesicht dass so rot war, dass man es selbst in der nun völligen Dunkelheit erkannte, verabschiedete sich die junge Frau von ihm und teilte ihm mit, dass sie sich darüber freuen würde, wenn sie einen solchen Spaziergang in naher Zukunft wiederholen würden.

Nachforschungen

In Gudeles Schlafzimmer angelangt hatte Inaya augenblicklich das Bedürfnis ihre Aussage von vor ein paar Minuten zurück zu nehmen. Ihr Problem dass sie nicht gewusst hatte, wonach sie wohl suchen sollten hatte sich dazu geändert, dass sie nun nicht wusste, wo sie überhaupt anfangen sollten zu suchen. Vor den dreien bot sich ein wahres Chaos dar. Das Zimmer sah komplett durchwühlt aus. Gegenstände lagen wild durcheinander, ein Regal war hinunter gefallen und der Inhalt daraus verteilte sich auf dem Boden. Bücher und Notizen wurden wild umher geworfen und lagen nun quer über den Raum verstreut herum. Es wirkte als hätte Gudele fluchtartig alles zusammen gesucht und war daraufhin verschwunden. Das Zimmer an sich war recht überschaubar. Zu ihrer Linken stand ein Bett, daneben zwei Kästen und drei Regale, wobei es sich bei einem dabei um das handelte, dessen Inhalt sich über dem Boden verteilt hatte. Vor ihnen war ein recht großes Fenster durch das man eine schöne Sicht auf das hügelige Kosch Tal hatte, mit einer recht breiten Sitznische davor. Vermutlich saß Gudele hier gerne mit einem guten Buch und genoss den beeindruckenden Ausblick. Rechts von ihnen gab es im Grunde nur eine eher schlicht arrangierte Wasch-Nische. „Na dann lasst uns mal sehen, was wir so finden“ meinte Frumold mit einem neugierigen Grinsen im Gesicht. Daraufhin teilten sie sich in dem kleinen Zimmer auf.

Da der Raum nicht viele Verstecke darbot, konnte der eifrige Frumold einige Minuten später unter den Notizen auch sogleich eine Zeichnung finden, die ihm nicht geheuer war. Er nahm die Zeichnung an sich und studierte sie genauer während er überlegte woher ihm dieses darauf abgebildete, seltsame Symbol etwas sagte. Inaya, welche nicht weit entfernt von ihm stand bemerkte dass er etwas in den Händen hielt und kam sogleich auf ihn zu. Im Gegensatz zu dem jungen Mann, der aus bäuerlichen Verhältnissen stammte erkannte die Graumagierin das gezeichnete Symbol sofort. „Das ist das Zeichen des Namenlosen!“, stellte sie sogleich mit weit aufgerissenen Augen fest. Im selben Moment fiel Fridas Blick sofort auf eine Pflanze, welche ihr sehr bekannt vorkam. Sie brauchte einen Moment um sich daran zu erinnern, weswegen diese Pflanze so derartig vertraut auf sie wirkte. In dem Moment als sie Inayas überraschte Erkenntnis über das Symbol, welches Frumold gefunden hatte hörte, wurde ihr schlagartig alles klar. Bei der Pflanze in ihren Händen handelte es sich um den so genannten „Bittersüßen Nachtschatten“, eine Giftpflanze die dem Namenlosen heilig war. Frida drehte sich um, um auch das Symbol zu sehen, welches die Aufmerksamkeit ihrer beiden Begleiter in Beschlag genommen hatte. Auf einmal ergab alles einen Sinn. Das Symbol. Die Pflanze. Es war die selbe Pflanze, die sie in dem Haus der Jägerin gesehen hatte. Die selbe Pflanze hatte sie auch in einem von Walpurgias Bücher gesehen. Neben der Beschreibung und einer Skizze dieser Pflanze war auch das Symbol skizziert gewesen, welches Frumold nun in seinen Händen hielt.

Gudeles selbst gezeichnetes Symbol des Namenlosen

In diesem Moment wurde den Abenteurern bewusst, dass die Wirtin weit mehr war, als eine vermeidliche Diebin. Gudele war eine Kultistin, eine Anhängerin des Namenlosen. Genauso wie die Jägerin Boronya. In zwei Tagen würden die Namenlosen Tage hereinbrechen. Diese Diebstähle waren somit weit mehr als gewöhnliche Gaunereien. Gudele und Boronya hatten etwas vor und was auch immer es war, es diente dazu, dem Namenlosen zu ehren und seine Macht zu verstärken. Was auch immer die beiden Frauen im Schilde führten, sie mussten um jeden Preis aufgehalten werden, sonst würde der Kosch bald in großer Gefahr schweben.

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