Kapitel 1 Teil 9 – Die Namenlosen Tage

Langsam brach der Abend des 30. Rahja an. Der letzte Tag des Jahres. Die namenlosen Tage waren nun nur mehr wenige Stunden entfernt. Den Abenteurern blieb nicht mehr viel Zeit, um ihrem Auftrag nachzugehen. So hatten Conlai, Dorian, Lucan, Frumold, Argon, Frida und Inaya den Großteil des Tages damit verbracht einen Plan auszutüfteln, wie sie den vermeintlichen Kultistinnen auf die Schliche kommen könnten. Sie hatten beschlossen sich aufzuteilen, so dass ihre Augen und Ohren an mehreren Orten zur gleichen Zeit sein konnten.

Seit nun fast zwei Stunden saß Conlai, gemeinsam mit Frida, an dem Tisch der Kornstubn, welcher der Theke am nächsten war. Die Wirtin war hier und arbeitete. Sie wirkte erschöpft und fahrig. Die tiefen Ringe unter ihren Augen waren selbst für den alten Mann auf ein paar Meter Entfernung sichtbar. Wann auch immer Gudele in der vorherigen Nacht zurückgekehrt sein mochte, viel Zeit für Schlaf war ihr wohl nicht mehr geblieben. In Conlai breitete sich zunehmend eine gewisse Unruhe aus. Der Gedanke daran, dass die Zwergin, welche er bereits sein gesamtes Leben lang kannte, in Wirklichkeit eine ganz andere war, enttäuschte ihn sehr. Doch obwohl alle bisherigen Beobachtungen der Gruppe darauf hindeuteten, dass Gudele zu einer Kultistin des Namenlosen geworden war, klammerte sich ein Teil von Conlai immer noch an der schwachen Hoffnung fest, dass es sich bei der ganzen Sache doch um ein großes Missverständnis handelte. Frida, welche neben ihm an dem kleinen, runden Tisch saß, schien die Emotionen, welche in ihm sprudelten, zu bemerken. Sanft legte sie ihre Hand auf seine und lächelte ihn freundlich und aufmunternd an. Conlai war sehr froh darüber, sie bei sich zu haben.

Kühles Bier gibt es immer in der Kornstubn

Lucans Alleingang

Lucan war es endlich gelungen, den anderen klar zu machen, dass er nicht andauernd einen persönlichen Schatten an seinen Fersen zu kleben haben brauchte. Als sie alle beschlossen hatten, sich aufzuteilen, konnte er die Gruppe davon überzeugen, dass er durchaus alleine dazu im Stande war, Roglom, den zwergischen Schmied, zu beschützen und gleichzeitig den Weg, den dieser am Vorabend in seiner Trance entlang schreiten wollte, zu beobachten. Er hatte ihnen auch klar gemacht, dass es überall anders wichtiger wäre, sich zu zweit zu positionieren. Zwei von ihnen hatten sich in der Kornstubn positioniert, um die Wirtin zu beobachten. Zwei weitere waren außerhalb der Schenke um die Wirtin beim Verlassen ihres Gasthauses zu beschatten. Die beiden restlichen Mitglieder der Truppe hatten sich vor dem Haus der Jägerin auf die Lauer gelegt, um auch diese nicht aus dem Blickfeld zu verlieren, sollte sie ihre Hütte verlassen. So hatte Lucan nun endlich die Chance dazu, alleine zu arbeiten. Nun lehnte er am Fenster der Schmiede und ließ den Blick nach draußen schweifen, die rechte Hand ruhte leicht auf dem in der Scheide befestigten Dolch. Roglom ließ sich trotz der unheilverheißenden Stimmung nicht von seiner Arbeit abbringen. In regelmäßigen Abständen hämmerte auf die glühende Klinge eines Schwertes.

Jadwine unter Beobachtung

Inaya und Dorian lagen im Dickicht vor Jadwines Haus auf der Lauer. Der Halb-Elfe war durchaus bewusst, dass sie bei der Posten-Aufteilung nicht unbedingt das beste Los gezogen hatte Dennoch war sie hier ihrer Meinung nach am nützlichsten. Diese Jägerin schien gefinkelt zu sein und viele verschiedene Talente zu besitzen. Im Notfall würde es Inaya jedoch gelingen, Jadwine mit den magischen Fähigkeiten, über die sie als Graumagierin verfügte, Einhalt zu gebieten. Außerdem hatte Inaya wohlmöglich die Chance, sich bei Jadwine daran zu rächen, dass sie alles dem ebenfalls im Wald lebenden Elfen Azariel in die Schuhe schieben wollte. Mit der Zeit wurde sie ein wenig unruhig. Die Graumagierin war es nicht gewohnt, so lange still zu liegen, ohne sich auch nur ein bisschen bewegen zu dürfen. Dorian neben ihr schien die Situation hingegen überhaupt nichts auszumachen. Er schien komplett entspannt zu sein und keinerlei Bewegungsdrang zu verspüren. Inaya war ein wenig beeindruckt darüber. Als sie darüber nachdachte, wie er es schaffte, so viel Körperbeherrschung aufzubringen, neigte er ihr leicht seinen Kopf zu. Er hatte wohl ihren Blick gespürt und ihre Gedanken erraten. „Beim Fischen muss man auch lange in einer Position verharren” gab er nur knapp von sich, bevor sich seine asymmetrischen Augen sogleich wieder von der Graumagierin lösten und sich wieder voll und ganz auf Jadwines Behausung fokussierten.

Tief im Wald

Zwischenzeitlich in der Kornstubn

Frida und Conlai saßen noch eine ganze Weile da und beobachteten die unruhige Wirtin dabei wie sie Bier zapfte, Gäste bediente und Tische abräumte. Mit der Zeit schien sie immer ungeduldiger und hektischer zu werden. „Verzeiht Gudele, ist alles in Ordnung bei Euch?” fragte Conlai sie, als sie hektisch an dem Tisch vorbei eilte, an dem er mit Frida saß. Die Wirtin jedoch schien seine Frage kaum wahrzunehmen. Sie warf ihm lediglich einen kühlen Blick zu und nuschelte „Natürlich”, bevor sie ihre Arbeit fortsetzte. Das versetzte Conlai einen weiteren Stich. Bald darauf betrat Rosi die Schenke. Frida und Conlai konnten vage hören, wie sie der Schankmaid etwas das klang wie „Warum hat das so lange gedauert?” zu pfauchte, bevor sie plötzlich damit begann ihre Schürze abzulegen und sich hektisch, ohne ein weiteres Wort der Verabschiedung, Richtung Ausgang zu bewegen. „Jetzt ist es wohl bald soweit” flüsterte Frida neben ihm. Ihr Blick war voller Mitgefühl.

Vor der Kornstubn

Langsam aber sicher hatten Argon und Frumold begonnen, davon auszugehen, dass sie die gesamte Nacht vor der Kornstubn verbringen würden, als die Tür des Gasthauses aufschwang und die Wirtin aus dem Gebäude geeilt kam. Von einer Welle aus Adrenalin gestärkt, gelang es den beiden jungen Männern in kürzester Zeit ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren und die Verfolgung aufzunehmen. Die beiden gaben sich große Mühe, keine Geräusche von sich zu geben und den Abstand nicht zu gering werden zu lassen, denn die Zwergin war auf der Hut. Mit schnellen, fahrigen Bewegungen blieb sie immer wieder für einige Sekunden stehen und ließ ihren nervösen Blick über ihre Schultern schweifen. Sie war deutlich darauf bedacht, dass niemand sie bemerkte. Also mussten ihre Verfolger ihr Bestes geben, um sie in dem Gefühl der Sicherheit zu wiegen und keinesfalls auf sich aufmerksam zu machen.

Roglom bei der Arbeit

Der Schmied

Rogloms Schmiedearbeit wurde allmählich zu einem monotonem Hintergrundrauschen für Lucan. Er starrte nun schon eine gefühlte Ewigkeit lang durch das Fenster der Schmiede auf diesen Weg. „Ihr seid ein Einzelgänger” stellte Roglom trocken fest. Lucan war nicht aufgefallen, dass er mit dem Hämmern aufgehört hatte und stattdessen dazu übergegangen war, ihn zu mustern. Lucan drehte den Kopf leicht zur Seite, jedoch nur so weit, dass er gleichzeitig ein Auge auf dem Weg behalten konnte. „Oder sollte ich sagen, ein Einzelkämpfer?” Lucan lächelte kurz mürrisch auf, als er dem Schmied entgegnete: „Was interessiert Euch das?” Roglom schien kurz über seine Antwort nachzudenken. „Ihr erinnert mich einfach an mich selbst. Auch ich war lange der Meinung, alleine wäre ich besser dran und dass ich niemanden bräuchte. Ganz im Gegenteil. Ich war fest davon überzeugt, dass die Dinge am besten funktionieren würden, wenn mir nur keiner in die Quere kommen würde.” Lucan dachte kurz darüber nach wie ehrlich er nun darauf reagieren sollte. Er entschied sich dafür, die Wahrheit auszusprechen. „Ich habe es nie anders gelernt. Da, wo ich herkomme, schlägt man sich entweder alleine durch und schlägt seinen Profit aus jeder Möglichkeit, die sich einem bietet, oder man verhungert langsam vor sich hin. Andere Möglichkeiten sind aussichtslos.” Lucans Blick wurde starr, seine Gedanken entführten ihn einige Sekunden lang in seine Vergangenheit. Zu Szenarien, in denen sein Vater ihm einen Vortrag darüber hielt, was es bedeutete, ein Mann zu sein. Und zu solchen, in denen Lucan von ihm mit Schlägen dafür bestraft wurde, diesen Anforderungen nicht gerecht geworden zu sein. Roglom öffnete seinen Mund um etwas zu erwidern, als Lucan im selben Moment eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm, die ihn auf der Stelle aus seinen düsteren Erinnerungen riss. Er stellte sich so neben das Fenster, dass ein Vorbeigehender ihn von draußen nicht bemerken konnte, er selbst jedoch sehr wohl sehen konnte, wer es war, der den Weg entlang marschierte. Einige Sekunden später realisierte er, dass es tatsächlich die Wirtin der Kornstubn war, die drauf und dran war auf diesem Weg zu ihrem unbekannten Ziel im inneren des Waldes zuzusteuern. Er deutete dem Schmied still zu sein und in Deckung zu gehen. In Kürze würden Gudeles dunkle Geheimnisse ans Licht gebracht werden.

Im Wald

Je mehr Zeit verstrich, desto mehr fühlte sich Inayas Körper an, als bestünde er aus einem einzigen Krampf. Dorian und sie hatten nun schon Stunden vor Jadwines Haus verbracht, ohne dass sie auch nur eine einzige Regung von ihr wahrgenommen hatten. Die Graumagiern wollte bereits vorschlagen, den Posten zu verlassen, als plötzlich die Tür der Behausung aufgeschlagen und das Gebäude fluchtartig von der aufgewühlt wirkenden Jägerin verlassen wurde. So schnell es ihnen möglich war, hefteten sich Dorian und Inaya an ihre Fersen und verfolgten sie durch den Wald bis zu ihrem noch unbekannten Ziel.

Die verdächtige Höhle

Seit ungefähr einer Stunde verfolgten sie Jadwine nun schon, als sie in der Ferne eine Art Höhle erkennen konnten. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie die Jägerin dabei, wie sie sich, fälschlicherweise annehmend, dabei von niemandem beobachtet zu werden, langsam und misstrauisch nach links und rechts blickend auf ihren Weg in diese Höhle machte. Inaya und Dorian sahen ihr nach, bis ihre Silhouette von der Dunkelheit der Höhle verschluckt wurde. Ohne sonderlich darüber nachzudenken stand Dorian auf und war auch bereits kurz davor, der Jägerin weiterhin zu folgen, als er Inayas Arm vor ihm, mit welchem sie in dazu anhalten wollte noch zu warten, vor sich spürte. Verständnislos und wütend starrte er zu der immer noch in der Lauer liegenden Halb-Elfe hinunter. „Was machst du denn da?” zischte er Inaya zu. „Wir dürfen sie nicht entkommen lassen!” „Duck dich wieder, da kommt noch jemand” entgegnete diese nur schnell und war auch schon dabei ihn an seiner Hand zu schnappen und nach unten zu ziehen. Obwohl Dorian niemanden kommen hörte, tat er ihr den Gefallen. Sein Zweifel zerbröckelte jedoch sehr rasch, als er in nicht allzu weiter Ferne die Wirtin Gudele erkannte, welche ebenfalls auf die Höhle zueilte und in ihrem Inneren verschwand. In diesem Moment realisierten Inaya und Dorian zwei essenzielle Fakten: Erstens, dass sie an ihrem Zielort angelangt waren und zweitens wussten sie, dass der Rest ihrer Gruppe auch nicht mehr weit entfernt sein konnte.

About Kessy

ist Pflegekraft, Musikerin, Zockerin, aber vor allem ist sie eine Träumerin, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt. Auf Mittelalterfesten mutiert sie gerne mal zu einer Elfe. Ihre Lieblingstiere sind Drachen und Einhörner. Wenn sie liest, dann sind das meist Fantasy-Romane. Um andere Leute an ihrer Fantasie-Traum-Welt teilhaben zu lassen, schreibt sie Geschichten und Abenteuer im Reich des schwarzen Auges.

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