Kapitel 1 Teil 1 – Conlais Plan

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Ruhelos ging Conlai in seiner Hütte am Rand von Altenbrück auf und ab. Seine grauen, schulterlangen Haare hingen strähnig an ihm herab. Mit zwei Fingern seiner rechten Hand zwirbelte er langsam an seinem genauso grauen, fast bis zur Brust reichenden Bart. Der in die Jahre gekommene Mann bewegte sich langsam und mühselig in seiner spärlichen Behausung. In seiner Hütte gab es nicht viele Möbelstücke. Sie bestand aus einer eher notdürftigen Schlafstätte die er kaum benutzte, da er es bevorzugte, in einem der Gästezimmer seiner Stammkneipe zu nächtigen. So wie er es als Kind immer getan hatte, während seine Mutter die Gäste des Wirtshauses, teilweise die ganze Nacht lang, mit ihrem Gesang und den Klängen ihrer Laute unterhalten hatte. Es befanden sich auch eine kleine Kochstelle und eine rostige Waschschüssel in dem minimalistisch eingerichteten Häuschen. Durch seine beachtliche Körpergröße wirkte Conlai eher wie ein Riese in einem Puppenhaus als wie der Bewohner in seinem eigenen Zuhause.

Draußen begann es bereits zu dämmern. Er blickte aus seinem Fenster und nahm die Stille, die abendliche Ruhe des Kosch in sich auf. Der Kosch. Seine Heimat. Der Ort an dem er geboren wurde. Der Ort, an dem seine Mutter ermordet wurde. Der Ort, von dem er geflohen war. Der Ort, an den er nie wieder zurück kehren wollte. Der Ort, den er nach all den Jahrzehnten wieder aufgesucht hatte. Der Ort, den er retten wollte.

Das Fürstentum Kosch ist eine zentrale Provinz und galt bis jetzt immer als ungewöhnlich friedliche Region, mitten im Zentrum des Mittelreiches. Es ist die Heimat von Menschen und Zwergen, welche in Eintracht zusammen leben. Vereinzelt haben sich auch Elfen in der Region angesiedelt, doch eher an den Dorfrändern und in den Wäldern, da die Bevölkerung des Kosch Fremden gegenüber meist sehr misstrauisch ist. Die Bewohner des Kosch schätzen gutes Essen, Bier, die Gemütlichkeit und die Ruhe. Auch das Handwerk genießt hier großes Ansehen. Es zählt das Altbewährte und es wird selten über den Tellerrand der Provinz hinweg gesehen. Die Landschaft besteht hauptsächlich aus Feldern soweit man blicken kann mit vereinzelten, weit gefächerten Dörfern darunter.

Seit einiger Zeit schon passierten unerklärliche Dinge im sonst so ruhigen und friedlichen Kosch.

Altenbrück, sein Heimatdorf, wurde in letzter Zeit vermehrt Opfer von Diebstählen. Keiner der Dorfbewohner würde ein derartiges Verbrechen begehen, daher musste es ein Außenseiter sein. Darin waren sich alle Bewohner des Dorfes einig. In Angengrund, einem Dorf nicht weit von Altenbrück entfernt, wurde vermehrt von Ork-Sichtungen berichtet und auch in einigen anderen Dörfern schien die Situation immer unruhiger und problematischer zu werden.

Lange stand Conlai reglos an seinem Fenster und starrte einfach nur hinaus auf die menschenleeren Wege und Felder. Als die Dunkelheit beinahe vollständig über Altenbrück herein gebrochen war, beschloss der in die Jahre gekommene Mann, sich gemeinsam mit seiner Pfeife an den Fluss zu setzen. Nur schleppend trugen ihn seine Glieder an den gewünschten Zielort. Zu dem Platz am Fluss, der schon als Kind einer seiner liebsten Orte gewesen war. Von hier aus konnte man sich so hinsetzen, dass man beinahe im hohen Gras verschwand und so von niemandem gesehen werden konnte. Außerdem gab es hier wunderschöne Mohnblumen, welche man bei Bedarf pflücken und einer schönen Frau zum Geschenk machen konnte. Das Wichtigste aber an dieser Stelle am Flussufer war, dass so gut wie nie jemand hier her kam und man so in aller Ruhe seine Pfeife rauchen und dabei dem beruhigenden Plätschern des Flusses lauschen konnte.

So saß Conlai Eichenblatt viele Stunden auf der Suche nach Antworten, von denen er erwartete, dass sie irgendwann aus seinem alten, müden Kopf heraussprudeln würden, an seinem Lieblingsplatz. Seine zerlumpte Kleidung hing an seinem Körper und er machte vermutlich den Eindruck eines alten, einsamen und verzweifelten Mannes. Vielleicht war er auch gar nicht so weit davon entfernt, genau das zu sein. Er hatte viele Freundschaften geführt und auch einige Frauen gehabt. Eine dieser Frauen hatte er sogar geliebt. Doch all das, spielte für ihn nun kaum mehr eine Rolle. Das wohl einzige, was für ihn noch von Bedeutung war, war das Ziel das er sich als seine Lebensaufgabe gesetzt hatte. Die selbst auferlegte Bürde den Kosch zu schützen. Damals als er ein Kind war, dass dabei zusehen musste wie direkt vor ihm seine Mutter von einigen Banditen brutal ermordet wurde, hat er sich geschworen, das so etwas nie wieder passieren sollte. Er wollte den Kosch vor dem Bösen retten. Oder zumindest seinen Teil dazu beitragen, das Land zu einem besseren und friedlicheren Ort zu machen.

Früher konnte er sich alleine um solche Probleme kümmern. Damals, als er noch jung war und sich sein Geld ehrlich als hart arbeitender Söldner auf der Straße und auf den Schlachtfeldern verdiente. Doch das war jetzt nicht mehr möglich. Er hatte seinen 70.Geburtstag bereits weit überschritten und war nun nicht mehr fähig seine Kämpfe selbst auszutragen, um die hilflosen Bewohner, die in kleinen, abgelegenen Dorfgemeinschaften lebten, vor all den Gefahren zu schützen, die da draußen auf sie lauerten.

Da kam ihm die zündende Idee. Er war zwar nicht mehr selbst in der Lage dazu, den Kosch zu beschützen, doch er konnte andere dafür bezahlen, genau das zu tun. Wenn es etwas gab, dass ihm aus seinem Leben und seiner jahrzehntelangen Arbeit als Söldner geblieben war, dann war das Geld. Er würde nach Helden suchen, die bereit dazu waren, die Rätsel in seiner geliebten Heimat aufzudecken und den Kosch vor weiteren Gefahren zu bewahren.

Sogleich eilte er, so schnell ihn seine Beine trugen, in seine Hütte zurück. Er kramte einige Kerzen aus den Schränken hervor, zündete diese an, holte auch eine Rolle Pergament, ein Behältnis mit Tinte und eine Feder hervor, platzierte alles auf seinem Tisch, zog sich seinen Stuhl heran und begann damit, Gesuche zu schreiben. Er richtete diese Schreiben an jene Helden, die bereit dazu wären seinen Lebenstraum fortzuführen und hoffte inständig, dass jemand darauf reagieren würde. Nach dem er seine Arbeit erledigt hatte, blickte er zufrieden auf das beschriebene Papier.

Conlais Gesuch
Das handgeschriebene Gesuch von Conlai

Zufrieden über getane Arbeit, legte sich Conlai in sein Bett und versuchte noch ein wenig Schlaf zu finden. Gleich am nächsten Morgen würde er einigen Burschen des Dorfes, wie auch reisenden Händlern und Barden, einige Heller dafür bezahlen, dass sie seine Gesuche überall in der Gegend verbreiteten und somit seine Suche nach Helden, welche ihm helfen würden seine geliebte Heimat zu schützen, voranzutreiben.

About Kessy

ist Pflegekraft, Musikerin, Zockerin, aber vor allem ist sie eine Träumerin, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt. Auf Mittelalterfesten mutiert sie gerne mal zu einer Elfe. Ihre Lieblingstiere sind Drachen und Einhörner. Wenn sie liest, dann sind das meist Fantasy-Romane. Um andere Leute an ihrer Fantasie-Traum-Welt teilhaben zu lassen, schreibt sie Geschichten und Abenteuer im Reich des schwarzen Auges.

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